Die Autorin und Ethnologin Heike Behrend überraschte die Zuhörer mit einer spannenden Lesung. Dabei ging es um den Propheten vom Arendsee, seinen größten lebenden Fan, Christine Meyer, und eine Auferstehung.
Arendsee. Spannung pur herrschte vom ersten bis zum letzten Satz der Lesung von Autorin Heike Behrend aus ihrem neuesten Buch „Gespräche mit einem Toten – Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee“. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel zu Boden fallen hören können, so gebannt hingen die zirka 80 Zuhörer an den Lippen der Lesenden.
„Dieses Buch erzählt die Geschichte von Gustaf Nagel, dem christlichen Propheten vom Arendsee, der 1874 geboren wurde und 1952 im Irrenhaus starb“, zitierte Heike Behrend aus ihrem Prolog. „Und es erzählt auch die Geschichte seiner eher ,gottlosen’ Nachfolgerin in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland, die für seine ,Auferstehung’ sorgte“, fügte sie hinzu.

Fotos: Helga Räßler
Das ist Christine Meyer, die als Expertin auf dem Gebiet von Gustaf Nagel gilt. Sie besitzt eine einmalige und umfangreiche Sammlung in ihrem privaten Archiv über ihr Idol und hat selbst ein Buch über Nagel verfasst.
Es habe eine Weile gedauert nach dem ersten Kennenlernen im Sommer 2016, bis sie zum Kaffee ins Haus und zum Einblick in das Archiv, ihr Heiligtum, eingeladen worden sei, berichtete Heike Behrend von einer vorsichtigen Annäherung.
Fasziniert habe sie vor allem an der Person Gustaf Nagel, dass dieser sich Zeit seines Lebens seine „Andersheit“ bewahrt habe – in Lebensform, Ernährung, Kleidung, Auftreten, Rechtschreibung, aber auch Ansichten. Und das trotz Anfeindungen, Verspottung oder Verfolgung.
Sie sei überrascht gewesen, eine solche Persönlichkeit, solch einen Propheten, in Deutschland, in der Altmark, sozusagen vor der Haustür, zu finden, machte die studierte Ethnologin deutlich. Während ihrer 40-jährigen Tätigkeit und Forschungen in Afrika habe sie dort Propheten kennengelernt.
In Gestalt Nagels einen solchen hierzulande zu entdecken, habe sie beeindruckt. Ebenso wie die Tatsache, dass jener Gustaf Nagel an seinen Lebensreformideen und Überzeugungen festgehalten habe.
Das zeuge von Charakterstärke, wofür ihn Zuhörerin Ursel Taut, pensionierte Lehrerin, bewundert. Die Arendseerin hatte sich ebenso wie die 90-jährige Irmela Güde und andere Anwesende zu Wort gemeldet und von ihren Erinnerungen an Nagel erzählt.
Eines merkte Ursel Taut allerdings kritisch an: „Dass er in einem Irrenhaus starb, stimmt so nicht – es war eine Nervenheilanstalt, und Nagel war kein Irrer“, betonte sie.
Das habe sie auch niemals ausdrücken wollen, entgegnete Heike Behrend. Sie stelle Nagel im Gegenteil als geschäftstüchtig, wortgewandt und werbetechnisch versiert dar. Er habe das Medium Fotografie genutzt, Postkarten verkauft und seine Andersheit ebenso erfolgreich vermarktet wie seine veröffentlichten Schriften. Damit habe er gegen seine Ausgrenzung und sein Verschwinden eine ganze mediale Maschinerie eingesetzt.
Mediale Aufmerksamkeit strebt auch der Gustaf-Nagel-Förderverein an, der sich die Erhaltung des Nagelschen Lebenswerkes und seines Grundstücks am See auf die Fahnen geschrieben hat. Vereinsvorsitzende Antje Pochte arbeitet als Leiterin der Jeetzeschule Salzwedel regelmäßig mit ihren Schülern dort. Sie servierte den überraschend zahlreich erschienenen Gäste im Hotel Deutsches Haus original Nagel-Apfelsaft. „Der wurde aus Äpfeln gepresst, die in Nagels Garten Eden gewachsen und geerntet worden sind“, sagte sie. Zu kaufen gebe es den Saft außerdem in Goyers Geschenkeladen, ebenso wie Nagel-Teesorten.

Und auch das Buch von Heike Behrend, was leider an dem Nachmittag nicht für Interessenten zu erwerben war, soll noch diese Woche dort zu haben sein.
„Unser dringlichstes Anliegen ist der Wiederaufbau des historischen Kurtempels auf dem Nagel-Areal“, informierte Antje Pochte außerdem. Dass das Projekt nicht starten könne, liege nicht am Geld. „Wir haben eine Förderzusage vom Leader-Programm über 80 Prozent der Bausumme und sammeln über die Plattform ,BetterPlace’ Spenden“, erklärte sie. Knackpunkt sei die noch immer ausstehende Baugenehmigung vom Altmarkkreis Salzwedel. „Diese Stockung liegt am Bebauungsplan der Stadt Arendsee“, sagte sie weiter.
Von Helga Räßler


